Stille Liebe

Wenn du mir nahst und schaust mir stumm errötend

Stille Liebe

Wenn du mir nahst und schaust mir stumm errötend
Ins Angesicht,
Warum ich zitternd immer dir entfliehe,
Das frag' mich nicht.

Wenn alles schläft, in meinem kleinen Zimmer
Siehst du noch Licht,
Um was ich da so lang, so innig bete,
Das frag' mich nicht.

Der Schlummer naht und um die Seele spinnt sich
Ein süß Gesicht;
Warum ich morgens feuchten Blicks dich grüße,
O frag' mich nicht. 

Angelika von Hörmann 

Angelika von Hörmann, geborene Emilie Geiger, verheiratet Emilie Hörmann von Hörbach (1843 – 1921), österreichische Dichterin, Schriftstellerin. Pseudonyme: Angellika von Gera

Morgengruss

Morgengruß.


Guten Morgen, schöne Müllerin!
Wo steckst du gleich das Köpfchen hin,
Als wär' dir was geschehen?
Verdrießt dich denn mein Gruß so schwer?

Verstört dich denn mein Blick so sehr?

So muß ich wieder gehen.


 O laß mich nur von ferne stehn,

Nach deinem lieben Fenster sehn,
Von ferne, ganz von ferne!

Du blondes Köpfchen, komm hervor!
Hervor aus eurem runden Thor,
Ihr blauen Morgensterne!

Ihr schlummertrunknen Äugelein,
Ihr thaubetrübten Blümelein,

Was scheuet ihr die Sonne?
Hat es die Nacht so gut gemeint,
Daß ihr euch schließt und bückt und weint
Nach ihrer stillen Wonne?

Nun schüttelt ab der Träume Flor,
Und hebt euch frisch und frei empor

In Gottes hellen Morgen!
Die Lerche wirbelt in der Luft,
Und aus dem tiefen Herzen ruft
Die Liebe Leid und Sorgen. 

Wilhelm Müller

Text: Wilhelm Müller (1794 – 1827)

Vertonung: Franz Schubert (1797 – 1828), österreichischer Komponist