Verzweiflung

O Jammer, Tränen, Flehen und Gebete

Verzweiflung

O Jammer, Tränen, Flehen und Gebete
Und immer Jammer, immer Tränen, Flehen, -
Ich Unglückselige - was wird aus mir!

Kaum spüre ich des Sommers laue Nächte,
Da zieht der Winter wieder über Land,
Und rauh und häßlich wird der Wind der Frühe.

Jetzt kommen schon die wilden Schwäne wieder;
Mein Herz ist voller Qual. Wie oft, wie oft
Sah ich euch gehn und kommen, wilde Vögel!

Verschwenderisch erblühn die Chrysanthemen, -
Doch diese Blume hier, versehnt, verkümmert,
Hat niemand denn sie abzupflücken Lust?

Ich sitze ewig nur an meinem Fenster, -
Ist denn der Tag noch immer nicht zu Ende?
Ein feiner Regen näßt die Blüten rings.

Auf leisen Sohlen steigt die Dämmerung nieder,
Der Abend kommt, die Nacht umfängt die Erde, -
In mir jedoch bleibt alles, wie es war.

O Jammer, Tränen, Flehen und Gebete, -
Wer zieht den Dorn aus meinem wunden Herzen?
Verzweiflung wühlt in mir und tötet mich.. !

Li Tsching-dschau

Li Tsching-dschau (1083 – 1151), chinesische Dichterin. Auch Li Qingzaho; Li Qing Zhao

Herbst

Der erschöpfte Herbst, den jetzt nicht einmal ein seltener Sonnentag wieder erwärmt

Der erschöpfte Herbst, den jetzt nicht einmal ein seltener Sonnentag wiedererwärmt, verliert nach und nach seine letzten Farben. Ausgelöscht ist die intensivste Glut seines Laubwerks, das so in Flammen stand, daß man nachmittags und morgens die glorreiche Illusion eines Sonnenuntergangs haben konnte. Als die letzten leuchten noch die Dahlien, die indischen Nelken, die malvenfarbenen, violetten, gelben, weißen und rosenfarbenen Chrysanthemen hier auf dem dunklen, trostlosen Untergrund des Herbstes.

Marcel Proust

Valentin Louis Georges Eugène Marcel Proust (1871 – 1922), Schriftsteller, Essayist, Literaturkritiker