Das Narzissenbeet

Was es doch für eine Frühlingsnacht war

Das Narzissenbeet
(Ein Capriccio)

Was es doch für eine Frühlingsnacht war,
Unter welchem Mond doch?
Da ich ihn mitten in dem Narzissenbeet doch?
Wie nur hatte er hineingeraten können?

Ihn da zu sehn!

Ich aber habe nicht gelacht.
Wenn ich sagen könnte,
Wie bange mir war!
Gott!
Wenn er angefangen hätte
Zu trampeln!

Doch nein! Wahrhaftig!
Wie wunderbar und mit welcher Galanterie
Er sich hinausfand!

O, es ist keiner so Narzissenkundig wie er!
Aber wer eigentlich?
Ich denke so:
Wie, wenn es nun wirklich
Der weiße Elefant gewesen wäre? ....

Johannes Schlaf

Johannes Schlaf (1800 – 1862), Schriftsteller, Erzähler, Dramatiker, Naturalist.

Der Frühling

Der Winters Hülle deckte

Der Frühling

Des Winters Hülle deckte
nicht mehr die öde Flur;
der Hauch des Lenzes weckte
die schlafende Natur.
Es wurden schon die Schatten,
es duftete der Pfad,
den Flora mit dem Gatten
jüngst, Hand in Hand, betrat.

Blauäugige Amoene,
ertönete mein Lied;
verändert ist die Szene,
der rauhe Winter flieht,
kein Nordwind drohet weiter
der zarten Haut Gefahr,
ein West, wie du so heiter,
spielt um dein blondes Haar.

Des Frühlings erste Blume,
komm, suche sie mit mir!
Zu Venus' Heiligtume
bring' ich sie dann mit dir,
dass sie das Denkmal kränze
des Dichters, dessen Lied
unsterblich, gleich dem Lenze,
dem er es weihte, blüht.

Dann schleichen wir zur Laube
bei meiner Flöte Schall;
dort girrt die Turteltaube,
dort ächzt die Nachtigall.
Dort wollen wir im Kühlen,
des Neides Aug' entrückt,
die Macht des Gottes fühlen,
der alles neu beglückt.

Sie teilte das Verlangen,
das meine Brust empfand;
es glüht' auf ihren Wangen,
es schlug in ihrer Hand.
Doch schnell benetzten Zähren
den unruhvollen Blick;
mit jungfräulichem Wehren
zog sie die Hand zurück.

Du weigerst dich, Amoene?
Ist's Misstrau'n? Ist es Scherz?
O trockne diese Träne,
du kennest Damons Herz!
Auch in verschwieg'nen Lauben
ist's, wie die Quelle, rein
und ohne Falsch, wie Tauben,
und ganz, Amoene, dein!

Friedrich Wilhelm Gotter

Friedrich Wilhelm Gotter (1746-1797)deutscher Schriftsteller, Dichter

Um Mitternacht blühen die Blumen

Sie schweben und schwingen den Reigen

Um Mitternacht blühen die Blumen

Um Mitternacht blühen die Blumen
Im Strahl des Vollmonds auf,
Da steigen aus ihren Kelchen
Die lieblichsten Elfen herauf. 

Sie schweben und schwingen den Reigen 
Und neigen und dreh'n sich im Chor,
Und selig erwachen die Vögel 
Und schau'n aus den Zweigen hervor.

Ein Rauschen wie Frühlingsgeflüster
Geht leise von Baum zu Baum,
Und treue, liebende Herzen 
Träumen den schönsten Traum.

Maria Stona

Maria Stona, geborene Maria Scholz (1861 – 1944), Dichter, Schriftstellerin, Sallonieré. Pseudonyme: Maria Stonawski, Maria Stona

Ich lieg‘ im Grase hingestreckt

Umwogt von grünen Halmen

Ich lieg' im Grase hingestreckt

Ich lieg' im Grase hingestreckt, 
Umwogt von grünen Halmen,
Die Lerche jauchzt zum Himmel auf
Die hellen Morgenpsalmen.

O Lerche, nimm mein leidvoll Herz
Auf deine leichten Flügel,
Und trag' es hoch, und trag' es weit
Wol über Thal und Hügel.

Und halt' es hin dem Sonnenstrahl,
Und halt' es hin den Lüften,
Daß seine Rosen wiederum,
Die welken, blüh'n und düften.

Lehr' mich ein Lied, deß' Klang durchdringt 
Die Wälder und die Haine, 
Ein Lied so fromm, ein Lied so frisch,
So fröhlich wie das deine.

Johann Martin Hutterus

Johann Martin Hutterus (1810 – 1865), deutscher Schriftsteller

Ode an Cassandra

Die Rose, die heut früh nach langen Warten

Ode an Cassandra

Geliebte, lass uns sehen, ob im Garten
Die Rose, die heut früh nach langen Warten
Ihr Purpurkleid der Sonne hingereicht.
Noch nicht die morgenfrische Pracht verloren,
Nicht ihr Gewand aus Purpurgglut geboren,
Und nicht den Schmelz, der deiner Wange gleicht.

Weh! Sieh nur hin, wie in so wenig Stunden,
Geliebte, aller Glanz dahingeschwunden.
Weh! Sieh nur hin, wie in so wenig Stunden.
Weh! Weh! und wie die Schönheit schnell verdirbt.
Lässt nicht Natur , die stiefgsinnte, schauern?
Selbst solche Blüte darf nicht länger dauern,
Als dass sie, früh erwacht, am Abend stirbt.

Glaub mir, Geliebte, lass das eitle Mühen.
Solange deine jungen Jahre blühen
Und lichte Freude grünt in deinem Sinn.
So pflücke, pflück die Rosen deiner Jugend:
Das Alter kommt, ihm wehrt nicht Wunsch noch Tugend
Und wie die Rose welkt die Schönheit hin.

Pierre de Ronard

Pierre de Ronard (1524 – 1585), französischer Schriftsteller, Dichter. Er wurde auch ‚Dichterfürst‘ genannt.

In stiller Sommerluft

Das grüne Gold der Blätter, das die Sonne malt

In stiller Sommerluft

    	Das grüne Gold der Blätter, das die Sonne malt –
ich seh es noch, wies dir vom weißen Kleide blitzt,
und fühle deine Hände noch auf meinem Haar . . .
Die wilden Blumen dufteten rings so stark und süß.

Was sprachst du doch? – Ich höre deine Stimme nicht,
vergebens sinn ich ihrem fernen Klange nach.
Ich bin allein – in meine offnen Hände fällt
das grüne Gold der Blätter, das die Sonne malt.

Otto Erich Hartleben

Otto Erich Hartleben (1864 – 1905), deutscher Schriftsteller, Dichter, Übersetzer, Dramatiker

Liebe zur Kunst

Man findet in Deutschland eine große Anzahl

Man findet in Deutschland eine große Anzahl von Gemäldegalerien und Sammlungen von Zeichnungen, die bei allen Ständen Liebe zur Kunft vermuten lassen.

Germaine de Staël

Anne Louise Germaine de Staël – Madame de Staël (1766 – 1817), französische Schriftstellerin, Salonnière

„De l’Allemagne“ par Madame de Stael. Paris, 1878

wie die Blume am Abend

daß die Seele der Gerechten

Man könnte sagen, daß die Seele der Gerechten wie die Blume am Abend mehr Duft spendet.

Germaine de Staël

Anne Louise Germaine de Staël – Madame de Staël (1766 – 1817), französische Schriftstellerin, Salonnière