Freund, leb wohl

Mein Freund, auf Wiedersehen

 Freund, leb wohl

Freund, leb wohl. Mein Freund, auf Wiedersehen. 
Unverlorner, ich vergesse nichts. 
Vorbestimmt, so wars, du weißt, dies Gehen. 
Da's so war: ein Wiedersehn versprichts.

Hand und Wort? Nein, laß - wozu noch reden? 
Gräm dich nicht und werd mir nicht so fahl. 
Sterben -, nun, ich weiß, das hat es schon gegeben; 
doch: auch Leben gabs ja schon einmal.

Sergei Alexandrowitsch Jessenin

Sergei Alexandrowitsch Jessenin (1859 – 1925), russischer Dichter

Übersetzt von Paul Celan

original auf russisch

 До свиданья

 До свиданья, друг до свиданъя
Милъій тъі у меня груди.
Ііредназначенное расставанье
Обещает встречу впереди.

 До свиданья, друг мой, без руки и слова,
не грусти и не печаль бровей,-
в зтой жизни умирать не ново,
но и жить, конечно, не новей.

Leben

Menschnleben – ach

Menschenleben – ach! Leben überhaupt – ist Dichtung. Uns selber unbewußt leben wir es, Tag um Tag wie Stück um Stück, – in seiner unantastbaren Ganzheit aber lebt es, dichtet es uns. Weit, weitab von der alten Phrase vom ›Sich-das-Leben-zum-Kunstwerk-machen‹; wir sind nicht unser Kunstwerk

Lou Andreas-Salomé

Lou Andreas-Salomé, geborene Louise von Salomè (1861 – 1937), deutsche Schriftstellerin, Psychoanylytikerin

Leben und Neugeburt

In jedem Leben geschieht es noch einmal

In jedem Leben geschieht es noch einmal, dass es sich bemüht, wiederzubeginnen wie mit Neugeburt: mit recht nennt das vielzitierte Wort die Pubertät eine zweite Geburt.

Lou Andreas-Salomé

Lou Andreas-Salomé, geborene Louise von Salomè (1861 – 1937), deutsche Schriftstellerin, Psychoanylytikerin

Freund

Ein Vöglein nistet tief in meiner Brust

Ein Vöglein nistet tief in meiner Brust,
An ihm hat meine Seele ihre Lust.
Ach, lebte sie nicht , möcht' auch ich nicht leben,
Der Tod allein wär' dann mein eifrig Streben.
Doch hat den Fuß der Fallstrick mir umwunden, 
Wie Vieh, geführt zur Schlachtbank, wird gebunden.
Im Mühsalstiegel werd' ich nun geläutert,
Die Seele auf der Wandrung Bahn geschleudert.
Weh mir, so muß in Edom ich verweilen!
Doch möge Gott die Wunde nie mir heilen,
Sollt' Deine Huld aus meinem Mund je weichen,
Die Liebe ich aus meinem Herzen streichen.
Der Klage macht das Auge mir so trübe,
So finster schwarz, daß ich mein weiß Gewand
Mit meinem Auge habe schwarz gebrannt.
Doch fesseln jetzt mich des Geschickes Ketten,
Vielleicht wird Gott - noch harr' ich - mich erretten,
Das Leid in meiner Tränen Flut versenken,
Dem schon Verschiednen neues Leben schenken

Jehuda ha-Levi

Original von Jehuda ben Samuel ha-Levi (1074 – 1141), sephardischer Arzt und Philosoph, hebräischer Dichter

Übersetzer: Abraham Geiger (1810 – 1874), deutscher Rabbiner Historiker, Gründer des Reformjudentums, Übersetzer, Schriftsteller

Vergänglichkeit

Vergänglich ist das festeste im Leben

Vergänglichkeit

Vergänglich ist das festeste im Leben –
Was trauerst Du, daß Liebe auch vergeht?
Laß sie dahin in's Reich der Zeiten schweben,
Leicht, wie des Lenzes Blüthenhauch verweht.

Doch halte fest ihr Schattenbild im Herzen,
Und segne dennoch freudig Dein Geschick,
Schließt auch sich eine Reihe bittrer Schmerzen
An Deines Glückes kurzen Augenblick.

Du hast gelebt, denn Liebe nur ist Leben!
Sie nur allein webt um den dunklen Traum,
Dem wir den Nahmen unsers Daseyns geben,
Der höchsten Wonne glanzerfüllten Saum.

So zürne nicht des Schicksals finstern Mächten,
Wenn sie des Lebens Sonne Dir entziehn.
Nicht ewig läßt sie sich in unsre Bahn verflechten,
Ach, sei zufrieden, daß sie einst Dir schien.

Natalie

Charlotte von Ahlfeld

Charlotte Elisabeth Luise Wilhelmine von Ahlefeld (1781 – 1849). Pseudonyme: Elisabeth Selbig, Natalia, Emetine, Frau Charlotte Seebach Felicitas, Elise Selbig, Marie Müller. Deutsche Schriftstellerin, Dichterin

Eine kleine Ballade

Sie wohnte vier Treppen

Eine kleine Ballade

Sie wohnte vier Treppen,
Er unten im Keller,
Und beide hatten sie keinen Heller.

Wohl litten sie nicht Hunger und Not,
Doch was sie verdienten mit ehrlichem Sinn,
Das reichte so gerade zum Leben hin.

Jung waren sie beide und lebensfroh,
Machten sich weiter keine Sorgen.
Kam heute das Glück nicht, kam’s wohl morgen.

Kehrten arbeitsmüd’ sie am Abend heim,
So schauten beide zum Fenster hinaus
Und sahen nach dem Glücke aus.

Aus dem Dache sah sie,
Aus dem Keller sah er,
Und mancher Seufzer flog hin und her.

An einem heissen Maientag
Sprach er sie schüchtern drunten an,
Als sie die Treppen zu steigen begann.

»Da oben ist’s wohl jetzt schön heiss?«
»Ja,« lacht sie, »ja, der Sonnenschein
Heizt etwas stark mein Zimmerlein.«

»Und zu mir kommt gar keine Sonne herein.«
»Nun,« meint sie mit einem fröhlichen Nicken,
»Ich werd’ etwas Sonne hinunterschicken.«

»Dürfte ich sie nicht holen kommen?«
»Nein, i bewahre!« Und im Lauf
Rennt sie die vier Treppen hinauf. – – –

Doch seltsame Dinge geschehen im Mai,
Am selben Abend, der Mond schien herein,
Holte er noch seinen Sonnenschein.


Alice Berend

Alice Berend (1875 – 1938), deutsche Schriftstellerin

Moderner Dichterling

Ein glühend heisser Sommertag

Moderner Dichterling

Ein glühend heisser Sommertag.
Der Jüngling im blühenden Grase lag
Im goldenen Sonnenschein.
Da war ein Blühen, ein heisses Weben,
Alles durchglüht von verlangendem Leben,
Von Lebenskraft und Überfluss,
Von üppiger Schönheit und tollem Genuss.
Der Jüngling selber blühend und rot,
Schrieb in sein Buch ein Lied – vom Tod!

Alice Berend

Alice Berend (1875 – 1938), deutsche Schriftstellerin

Herbstgefühl

Komm mit mir hinauf in unseren Berggarten.

Herbstgefühl

Komm mit mir hinauf in unseren Berggarten.
Komm mit mir unter den Apfelbaum,
Unter unseren Apfelbaum.

Tief biegen sich seine schweren Äste,
Tief nieder ins hohe Gras.
Es ist die Zeit der Fruchtfülle. -

Wir wollen diese herrlichen Früchte sehn und kosten;
Mit lachenden Zähnen
In dies köstliche Sauersüß beißen,
In's Sauersüße.
Und dann werden wir unsere Arme
Auf den weichen gelben Mauerpfeffer legen,
Und werden,
Im Innersten beruhigt,
hinausschauen
Auf tiefes wundersames Schollenbraun;
Mit der schönsten Fröhlichkeit,
Mit heimlicher wissender Endfröhlichkeit.

Die Nacht lächelt aus dem Braun
Mit ihrem schönsten Mutterlächeln.
Die Nacht.
und noch einmal zeigt sie uns alles, alles
So tief als ein Fertiges,
Wie sie es zu zeigen pflegt;
O so, weißt Du,
Daß es so wundersam zu einem Geahnten, kommenden wird,

Das eine, einzige Geschickt,
Das wir alle leben.
Und unser dunkles Lachen
Wird ein erlöstes Weinen fein.
Kinder wir, immer Kinde der Einen;
Verzagend, hoffend, getröstet, bang und fromm,
Und immer neu begierig,
Und immer verlangend.

Herbstgefühl wollen wir sehen,
Unter unserem Apfelbaum,
Im Berggarten,
trunken vom Sauersüßen ...

Johannes Schlaf

Johannes Schlaf (1800 – 1862), Schriftsteller, Erzähler, Dramatiker, Naturalist.

Legt in die Hand das Schicksal dir ein Glück

Mußt du ein andres wieder fallen lassen

Legt in die Hand das Schicksal dir ein Glück
Mußt du ein andres wieder fallen lassen;
Schmerz wie Gewinn erhältst du Stück um Stück,
Und Tiefersehntes wirst du bitter hassen.

Des Menschen Hand ist eine Kinderhand,
Sie greift nur zu, um achtlos zu zerstören;
Mit Trümmern überstreuet sie das Land,
Und was sie hält, wird ihr doch nie gehören.

Des Menschen Hand ist eine Kinderhand,
Sein Herz ein Kinderherz im heftgen Trachten.
Greif zu und halt!... Da liegt der bunte Tand;
Und klagen müssen nun, die eben lachten.

Legt in die Hand das Schicksal dir den Kranz,
So mußt die schönste Pracht du selbst zerpflücken;
Zerstören wirst du selbst des Lebens Glanz
Und weinen über den zerstreuten Stücken.

Wilhelm Raabe

Wilhelm Karl Raabe (1831 – 1910), deutscher Schriftsteller, Erzähler. Pseudonym: Jakob Corvinus

Gewohnheiten

Wir kreieren erst unsere Gewohnheiten

Wir kreieren erst unsere Gewohnheiten und dann kreieren unsere Gewohnheiten uns.

John Dryden

John Dryden (1631 – 1700), englischer Dichter, Schriftsteller, Literaturkritiker, Dramatiker, Librettist, Übersetzer