Moderne Oden I

Nicht sank in Schwachheit unserer Sprache Kunst

Moderne Oden I

Nicht sank in Schwachheit unserer Sprache Kunst,
seitdem verhallt ist früher Heroen Schritt –
        wir wandeln weiter ihre Bahnen
    tönenden Fußes – und schauen lichtwärts.

Wir meistern, stolz nicht minder wie jene, noch
das Wort, und kunstreich meißelt die sichre Hand
        aus deutscher Sprache reinstem Marmor
    nimmer-vergänglicher Formen Schönheit.

Denn für der Menschheit heilige Güter schlägt
auch uns das Herz. Die fröhliche Flammenglut,
        die ewig zu den Sternen deutet,
    loht auch in uns von dem Grund der Seelen.

Wie Göttern einst der lockigen Hebe Hand
geschenkt den Nektar ewigen Jugendmuts,
        so wollen wir in alten Schalen
    reichen den schäumenden Wein der Zeiten.

Otto Erich Hartleben

Otto Erich Hartleben (1864 – 1905), deutscher Schriftsteller, Dichter, Übersetzer, Dramatiker

Ode an die Lerche

In holden Liebessang, berauscht von Lust und leid

Ode an die Lerche

Heil dir, Geist der Lieder!
Vogel bist du nicht,
Der vom Himmel nieder
Aus dem Herzen schlicht
Mit ungelernter Kunst in muntern Weisen spricht.

Feuerwolken gleich,
Hoch und höher schwingest
In der Lüste Reich
Du dich auf, und klingest,
Und singend steigst du stets, wie steigend stets du singest.

In der Abendsonne
Goldner Strahlenpracht
Schwebst du voller Wonne
Hin und wieder sacht,
Gleich körperloser Lust, die lind das Herz entfacht.

In die Purpurwellen
Tauchst du sanft hinein; –
Gleich dem Stern beim hellen,
Klaren Tagesschein,
Sieht man dich nicht, doch hör' ich deineMelodein.

Wie der Silbersterne
Strahlenschimmer sprüht,
Dessen Licht, das ferne,
Morgens schnell verglüht,
Und doch fortleuchtet, ob der Blick es kaum mehr sieht.

Deiner Lieder Reigen
Erd' und Luft durchschwillt,
Wie in nächt'gem Schweigen
Einer Wolke mild
Des Mondes Licht, das rings den Himmel hellt,entquillt.

Aehnlich dir an Segen
Nichts die Welt umschließt.
Nie so goldner Regen
Bunter Wolk' entfließt,
Wie deiner Lieder Fluth harmonisch sich ergießt.

Wie ein Dichter, singend,
Was sein Herz empfand,
Jede Brust bezwingend,
Bis die Welt entbrannt
In Furcht und Hoffnung, die sie früher nicht gekannt;

Wie auf stolzer Zinne
Eine Edelmaid,
Die von süßer Minne
Singt bei nächt'ger Zeit
In holdem Liebessang, berauscht von Lust und
Leid;

Wie im abendfeuchten
Thal des Glühwurms Licht,
Deß ätherisch Leuchten
Durch die Gräser bricht,Doch siehst das Thierchen du vor Blüth' und Blättern nicht;

Wie die Ros' in Lüften
Wiegt ihr Blumenhaupt,
Bis der West in Düften
Ihr den Kelch zerklaubt,
Daß trunken wird der Dieb, der ihr den Honig raubt.

Frühlingsregens Fließen
Auf dem grünen Hang,
Thaufall auf den Wiesen,
Nichts die Welt entlang,
Das frisch und fröhlich ist, gleicht deinem hellen Sang.

Dein Empfinden lehr uns,
Vogel oder Geist!
Nie ein Lied so hehr uns
Wein und Liebe preist,
Wie deins im Götterrausch die Seele aufwärts reißt.

Bräutliche Gesänge,
Siegesliederklang
Sind nur hohle Klänge
Gegen deinen Sang –
Ein fehlend Etwas spürt der Geist in ihnen bang.

Ach, was mag die Quelle
Deiner Lieder sein?
Anger, Berg und Welle?
Wolkenflucht und Hain?
Der Liebesinbrunst Macht? Unkenntniß aller Pein?

Nie verzehrt Ermatten
Deine frohe Brust,
Dumpfen Ekels Schatten
Trübt dir nie die Lust;
Du liebst, doch ist dir nie der Liebe Leid bewußt.

Dir in Schlaf und Wachen
Muß des Todes Welt
Lichterfüllter lachen,
Als sie uns sich hellt –
Wie tönte sonst dein Lied so rein vom Himmelszelt?

Uns zerquält das Morgen
Oder Gestern heut,
Uns wird, ach! durch Sorgen
Jede Lust entweiht,
Und unser schönstes Lied, es spricht von tiefstem
Leid.

Doch wenn fremd uns wären
Furcht und Stolz und Haß;
Würde nie von Zähren
Uns das Auge naß,
So ließ' uns deine Lust wohl kalt ohn' Unterlaß.

Besser als geschraubter
Melodien Brunst,
Besser als verstaubter
Bücher Weisheitsdunst,
Du Erdverächter, wär' dem Dichter deine Kunst.

Halb nur deine Lust
Wolle mit mir tauschen: –
Dann aus meiner Brust
Sollt' ein Lied entrauschen,
Dem würde, wie ich dir gelauscht, die Erde lauschen.

Percy Bysshe Shelley

Percy Bysshe Shelley (1792 – 1822), britischer Schriftsteller, Dichter

Ode an Pysche

O Göttin! lausche diesem armen Lied

Ode an Psyche

O Göttin! lausche diesem armen Lied,
Das lieb Erinnern, süßer Zwang geboren,
Verzeih, daß[*] dein Geheimnis es erriet
Und wiederkündet deinen eignen Ohren:
Ich träumte heut – denn sollte wacher Sinn
Wohl je die lichtbeschwingte Psyche schauen? –
In lichtem Walde schritt ich für mich hin,
Da plötzlich faßte mich ehrfürchtig Grauen:
Eng Seit an Seite lag ein schönes Paar
Ins Gras gebettet, über ihnen spann
Das Laub ein flüsternd Dach, ein Bächlein rann
                  Durchs Grün, kaum wahrnehmbar.

Auf blumiger Au, die bunt und silberklar
Und kühl und duftend in die Stille sann,
Sanftatmend lagen sie, die Flügel bogen
Sich aneinander und die Arme auch,
Die Lippen trennte nur ein Atemhauch,
Als habe Schlummer Mund von Mund gezogen,
Als würden jungerwachte Liebeswogen
Zu neuem seligen Küssen sie beglücken.
                  Den Knaben kannte ich;
Du Taube doch, du lieblichstes Entzücken,
                  Warst Psyche sicherlich!

O letztgebornes lieblichstes Gesicht
Hoch über des Olymps verbleichter Pracht!
O schöner du als erstes Sternenlicht,
Das wie ein Glühwurm in den Abend wacht.
Ja schöner du! Obgleich nicht ein Altar
                  Noch Opfer dir geschichtet
Und nächtens keine süße Mädchenschar
                  Zu dir Gesänge richtet:

Kein Wort, kein Flötenspiel, kein frommer Rauch,
Der sanft aus schwingenden Gefäßen wellte,
Kein Schrein, kein Hain, nicht ein inbrünstiger Hauch,
Der eines bleichen Priesters Träumen schwellte.

O Strahlendste! Zu spät für jene Zeit,
Zu spät, zu spät auch für leichtgläubige Leier,
Die heilig sprach des Waldes Einsamkeit,
Heilig die Luft, das Wasser und das Feuer.
Doch selbst in unsern Tagen, die so ferne
Von froher Frömmigkeit, erglänzt dein Flug,
Der über stürzenden Olymp dich trug,
Nun meinen Augen, und ich bete gerne.
So laß mich sein die süße Mädchenschar,
                  Die betet am Altar,
Dein Wort, dein Flötenspiel, dein frommer Rauch,
Den dir ein schwingend Weihgefäß entsendet,
Dein Schrein, dein Hain und dein inbrünstiger Hauch,
Den eines bleichen Priesters Traum dir spendet.

Ich will, dein Priester, dir den Tempel richten
In meiner Seele unbegangnem Hain:
Verschlungene Gedanken sind die Fichten,
Die flüsternd schützen deinen heiligen Stein,
In dunklen Gruppen sollen all die Bäume
Die steilen Bergesklüfte dicht befiedern,
Und schlummernde Dryaden wiegt in Träume
Der Wind, der Strom, der Wald mit seinen Liedern.
Und in der Mitte dieser weiten Stille
Baut dir ein rosiges Heiligtum mein Wille
Mit allem, was inbrünstiges Hirn ersinnt,
Umrankten Gittern, seltnen Blütenglocken.
Im Blumenhain, den Phantasie dir spinnt,
Ist alles Blühen ewiges Frohlocken,
Und dort ist dein allsüße Seligkeit,
                  So weit wie Träume fassen,
Und Fackel nachts und Fenster, das bereit,
                  Die Liebe einzulassen. 

John Keats

John Keats (1795 – 1821), britischer Dichter

Fancy

Bards of Passion and of Mirth

Fancy

ODE

Bards of Passion and of Mirth,
Ye have left your souls on earth!
Have ye souls in heaven too.
Double-lived in regions new ?

Yes, and those of heaven commune
With the spheres of sun and moon;
With the noise of fountains wondrous,
And the parle of voices thund'rous;
With the whisper of heaven's trees
And one another, in soft ease
Seated on Elysian lawns
Browsed by none but Dian's fawns;
Underneath large blue-bells tented,
Where the daisies are rose-scented.
And the rose herself has got
Perfume which on earth is not;
Where the nightingale doth sing
Not a senseless, tranced thing,
But divine melodious truth;
Philosophic numbers smooth;
Tales and golden histories
Of heaven and its mysteries.

Thus ye live on high, and then
On the earth ye live again;
And the souls ye left behind you
Teach us, here, the way to find you,
Where your other souls are joying,
Never slumber'd, never cloying.
Here, your earth-born souls still speak
To mortals, of their little week;
Of their sorrows and delights; Of their passions and their spites;
Of their glory and their shame;
What doth strengthen and what maim.
Thus ye teach us, every day. Wisdom, though fled far away.

Bards of Passion and of Mirth,
Ye have left your souls on earth!
Ye have souls in heaven too.
Double-lived in regions new !

John Keats

John Keats (1795 – 1821), britischer Dichter

Ode an Gott

O du im Umfang unendlich

Ode an Gott

O du im Umfang unendlich,
In lebenden Wesen lebendig,
Und Ewig im Laufe der Zeiten,
Gestaltlos in drenen Gestalten
Der Gottheit, Allgegenwart, Einzig,
Ein Geist ohne Raum, ohne Ursprung,
Von Sterbllichen nimmer ergründet,
Der durch sich und mit sich erfüllet,
Umfasset, erschaffet, bewahret,
Die Welten - wir nenn ihn - Gott!

Ja könnten auch Sand oder Strahlen
Der tausend Planeten wir zählen,
Die Tiefen des Oceans messen,
Für dich weder Maas weder Zahl!
Es mögen erleuchtete Geister,
Von deinem Abglanze geboren,
Nicht deine Gerichte erforschen,
Sie heben sich kühn und zerstäuben
In deiner gewaltigen Größe,
Wie sich die Minuten verlieren
In einer Ewigkeit Meere.

Du riefst aus bodenloser Tiefe
Das ewige Chaos herauf,
hast vor der Zeiten Geburt
In dir das Ew'ge gegründet;
Du bist und glänzest durch dich!
Aus dir, du Quelle des Lichtes,
Ist Licht hernieder geflossen,
Ein Wort hat Alles belebet,
Erschaffen - du warst, du bist,
Du wirst sein ewig und ewig!

Du fassest die Kette der Wesen,
Du schenkest ihr Leben, Erhaltung,
DU, der du Anfang und Ende,
Den Tod mit dem Leben verbindest.
Wie sprühende Funken schnell eilen,
So gibst du den Sonnen ihr Dasein;
Am heitern Tage des Winters,
Wie Stäubchen des Reifes dann blinken,
Sich drehen und wimmeln und glänzen,
So siehst du die Sterne im Abgrund.

Millionen brennende Lichter,
Im leere Raume schwimmend,
Befolgen die ew'gen Gesetze,
Ergießen lebendige Strahlen;
Doch diese feurigen Lampgen,
Die Menge der roten Ernstallen
Die goldenen kochenden Wellen,
Die ewig brennenden Sternen,
Und alle die leuchtenden Welten,
Sind dir wie Nacht vor dem Tage.
Und hundertfältig gehäufet,
Sie sind gegen dich nur ein Punkt,
Und ich vor dir - ein Nichts.

Ein Nichts - doch bin ich dein Abglanz,
Es schimmert in mir deine Güte,
Ich trage dein Bild wie ein Tropfen
Des Wassers das Bildnis der Sonne.
Ein Nichts - doch fühl' ich mein Leben,
Ich fliege mit rastloser Gierde,
Noch höher und höher stets schwebend,
Es glaubt meine Seele: du bist,
Sie denket, begreifet, erwäget,
Ich bin - du bist ohne Zweifel!

Du bist - so sagt die Natur,
Du bist - so fühlet mein Herz,
Du bist - ruft mein Verstand,
Du bist - drum bin ich kein Nichts!
Auch ich bin ein Teilchen des Weltalls
Bin, wähne ich, in der Natur.
Ehrwürdige Mitte gestället,
hier an der Körperwelt Ende,
Am Anfang der himmlischen Geister,
Ich binde die Kette der Wesen.

Ja, ich das Band dieser Kette,
Die äußerste Stufe der Wesen,
Bin in der Lebenden Mitte
Ein Anfangsbuchstange der Gottheit!
Mein Körper verweset zu Staube,
Mein Geist herrscht über die Donner,
Ich bin ein König - ein Knecht -
Ich bin ein Wurm - ein Gott!
Verborgen ist mir mein Ursprung,
Doch ward ich nicht aus mir selbst.

Nein, Schöpfer, ich bin dein Geschöpf,
Bin ein Geschöpf deiner Weisheit,
Du Lebensquell, Geber  des Guten,
Du meiner Seele Geist und Herr!
Deiner Allmacht schien es notwendig,
Daß mein unsterbliches Wesen
Des Todes Abgrund durchwandre,
Mein Geist sich in Sterblichkeit kleide,
Und, Vater! im Dunkel des Stabes,
Unsterblich sich wiederfinde.

Unbegreiflicher! Unergründlicher!
Warum ist die Seele zu schwach,
Von deinem erhabenen Bilde
Auch nur den Schatten zu zeichnen;
Doch ist es den schwachen Geschöpfen
Dich, Gott, zu preisen vergönnet,
Wie können sie besser dich ehren,
Als sich erhebend zu dir,
Im Unermeßlichen sich verlierend,
Dankbare Tränen vergießen!















Gavriil Romanovič Deržavin (1743 – 1816), russischer Dichter, Autor, Staatsmann, Schriftsteller. Bekannt für seine lange Oden.

Dank an Felizen

O, du Frühlings Morgenröte

Dank an Felizen

Verkünderung des goldnen Tages!
O, du Frühlings Morgenröte!
Wenn aus blauen Meereswellen
Du den Sternenkönig führest;
Wenn auf Stirnen der Gebirge,
Und im Schoße der Gewässer,
Sanft dein rothßer Blick uns lächelt,
Du mit purpurrothßem Golde
Feld und Wald und Himmel schmückest;

Wenn die raschen Flügelpferde
Jene Finsternis zerheilen,
Und das schöne Licht des Himmels
Sich am Horizont erhebet;
O, dann fliehen dunkle Schatten!
Welcher Anblick meinem Auge!
Ufer blinken dort im Taue,
Perlen blitzen auf den Wiesen.

Sieh dort wogen sich die Steppen
In des grauen Kowils Wellen;
Schwäne weiden dort in Wolken,
Ihr Getöse gleicht den Hörnern;
Überall der gelbe Himmel
Strahlend wie die Bernstein-Flamme;
So auch brennet, so auch lodert
Dankbar dieses Herz zu dir.

Auf zu dir des Dankes Flamme!
Engel in der Menschenhülle!
Dessen Geist und dessen Rechte
Uns den Weg zum Glücke zeigen.
Auf in ungeschmückten Worten!
Nimm vorlieb mit meiner Einfalt,
Höre! - doch mein Herz ist voll,
Es verstummen meine Lippen.

Wenn auf jenem stillen Meere
Lieblich nur ein Zephnr hauchet
Wenn die Flaggen munter flattern,
Wenn das Schiff im Schoß der Wellen
Eine Silberstraße furchet;
Dann erschallt der laute Jubel
Derer, die mit frohem Herzen
Bis zu fernen Zonen reisen.

Dichter singen, wenn der Gottheit
Feuer in dem Busen lodert.
Bin auch ich nur je zuweilen
Von der Sorgen Last befrenet;
Fesseln mich nicht Eitelkeiten,
Spiel, Gesellschaft, Müiggang;
Dann besuchen mich die Musen,
Von der Lener tönt dein Name.

G. R. Deržavin

Gavriil Romanovič Deržavin (1743 – 1816), russischer Dichter, Autor, Staatsmann, Schriftsteller. Bekannt für seine lange Oden.