Mütterchens Traum

Wär ich reich, hätt‘ ich Geld

 Mütterchens Traum 

Wär ich reich, hätt' ich Geld,
Mir gehörte die ganze Welt!
Müsste jeden Tag vierspännig fahren,
Ein Heer von Dienern um mich scharen,
Thät mir einen Palast erbauen
Und nichts thun, als zum Fenster hinausschauen;

Ein goldnes Bett müsst ich besitzen
Und lauter Röcke von echten Spitzen
Und lauter Teller von Edelsteinen
Und einen Koch, einen recht feinen, -
Mir gehörte die ganze Welt,
Wär ich Reich, hätt ich Geld.

Seh ich die harten Thaler fliegen,
Die in den Kammern der Reichen liegen
Und wir haben kaum ein Stück Brot zu beissen,
Will mir schier das Herz zerreissen.

Seh ich die Leute auf allen Gassen
Mit frohen Gesichtern und vollen Kassen,
Seh ich die schön gekleideten Frauen,
Die kaum nach unsereinem schauen,
Seh ich die Läden voll Silber und Gold:

Und an den lieben Gott nimmer denkt,
Der uns kaum einen kurzen Sonntag schenkt.

Hab' einen guten Schatz in der Stadt;
Oft kommt er abends sterbensmatt
Und zählt mir ein paar Groschen hin
Von seinem spärlich Wochengewinn,
Oder ein Bröschlein oder ein Tuch,
Oder kölnisches Wasser für den Geruch,
Da steck ich dann die Nase hinein
Und denke: lieber Gott, reich lass mich sein,
Dass ich auch meinem Schatz was kaufen kann,
Denn er ist so ein gutherziger Mann.
Und sind wir auch nicht kirchlich getraut,
Bin ich ihm doch eine treue Braut.

Wär ich reich, hätt' ich Geld,
Mir gehörte die ganze Welt!
Linchen kriegte ein neues Kleid,
Das rote wird ihr zu kurz mit der Zeit,
Lieschen braucht ein Jacket schon lange,
Das Mädel wächst wie eine Bohnenstange,
Der Vater bekäm ein Pfeifenrohr
Und ein gemaltes Schild überm Thor:

Christian Kurz, Damenschuhfabrik,
Das klingt so vornehm, nach Reichtum und Glück,
O, wär ich reich, hätt' ich Geld,
Mir gehörte die ganze Welt.

Jakob Wassermann

Jakob Wassermann (1873 – 1934), deutscher Schriftsteller

Demütigung

Armut demütigt die Menschen, so daß sie selbst über ihre Tugenden erröten.

Marquis de Vauvenargues Luc de Clapiers

Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues (1715 – 1747), französischer Philosoph, Moralist und Schriftsteller

Thou dost presume too much

That knows nor joy nor sorrow

Thou dost presume too much

“Thou dost presume too much, poor needy wretch,
To claim a station in the firmament,
Because thy humble cottage, or thy tub,
Nurses some lazy or pedantic virtue
In the cheap sunshine or by shady springs,
With roots and pot-herbs; where thy right hand,
Tearing those humane passions from the mind,
Upon whose stocks fair blooming virtues flourish,
Degradeth nature, and benumbeth sense,
And, Gorgon-like, turns active men to stone.
We not require the dull society
Of your necessitated temperance,
Or that unnatural stupidity
That knows nor joy nor sorrow; nor your forc’d
Falsely exalted passive fortitude
Above the active. This low abject brood,
That fix their seats in mediocrity,
Become your servile minds; but we advance
Such virtues only as admit excess,
Brave, bounteous acts, regal magnificence,
All-seeing prudence, magnanimity
That knows no bound, and that heroic virtue
For which antiquity hath left no name,
But patterns only, such as Hercules,
Achilles, Theseus. Back to thy loath’d cell;
And when thou seest the new enlightened sphere,
Study to know but what those worthies were.”

Thomas Carew

Thomas Carew (1595 – 1640) englischer Dichter

Du maßt dir zuviel an

So wird Natur von Dir geknechtet

Die Ansprüche der Armut

"Zu kühn ist Dein Begehren, armer, dürftiger Wicht
Wenn Du am Himmel einen Platz Dir wünschst!
Denn voll Pedanterie und Trägheit ist die Tugend,
Die Du in Deiner niedern Hütte oder deiner Tonne
Wohlfeil Dir züchtest in der Sonne, beim schatt'gen Quell
Bei Wurzelkost und dürftigen Topfgewächsen.
Mit Deiner reichten Hand reißt Du aus Deiner Brust
All jene menschlichen Begierden, aus deren Schoß
Der Tugend schönste Blüten sprossen.
So wird Natur von Dir geknechtet, so werden die Instinkte unterdrückt!
Wie der Mebuse haupt, verwandelts Du den Tätigen in Stein.
Wie brauchen die Gesellschaft jener blöden Menschen nicht,
Die in Enthaltsamkeit - gezwungen - leben!
Wir haben kein Verlangen noch dem widersinnig stumpfen Leben,
das weder Schmerz noch Freude kennt; auch nicht nach
Jenem Duldermut, den Ihr, verblendet, höher wertet
Als den Mut der Kraft: Solch niedre und verworfne Burt,
In schaler Mittelmäßigkeit zu haus,
Paßt, wahrlich, gut zu Eurem Knechtsinn.
Wir aber kühnen und die milden Taten, auch königliche Herrlichkeit,
Allweise Klugheit, grenzenlose Großmut
Und jene Namen, doch manch Beispiel hinterließ:
Theseus - Achilleus - Herakles!
Zurück in Deine ekelhafte Zelle!
Willst Du die Welt im Strahlenglanze sehn,
Versuche diese Besten zu verstehen."

Thomas Carew 

Thomas Carew (1595 – 1640) englischer Dichter