Wiegala, wiegala, weier

der Wind spielt auf der Leier.

Wiegala, wiegala, weier

Wiegala, wiegala, weier,
der Wind spielt auf der Leier.
Er spielt so süß im grünen Ried,
die Nachtigall, die singt ihr Lied.
Wiegala, wiegala, weier,
der Wind spielt auf der Leier.
 
Wiegala, wiegala, werne,
der Mond ist die Laterne,
er steht am dunklen Himmelszelt
und schaut hernieder auf die Welt.
Wiegala, wiegala, werne,
der Mond ist die Lanterne.
 
Wiegala, wiegala, wille,
wie ist die Welt so stille!
Es stört kein Laut die süße Ruh,
schlaf, mein Kindchen, schlaf auch du.
Wiegala, wiegala, wille,
wie ist die Welt so stille!

Ilse Weber

Ilse Weber, geborene Herlinger (1903 – 1942, KZ Ausschwitz-Birkenau)deutsch-tschechische Schriftstellerin, Dichterin, Kindermärchenschreiberin.

Spruch

Gute Nacht, gute Nacht, du bunte Frau Welt!

Spruch

"Gute Nacht, gute Nacht, du bunte Frau Welt!"
Das ist ein Lied, das üb' ich mir ein.
Denn ob mir's auch ziemlich allhier noch gefällt, -
Das Lied will doch endlich gesungen sein,
Und nur wer es übt mit stätigem Mut,
Singt's in der entscheidenden Stunde gut.

Friedrich de la Motte Fouqué

Friedrich Heinrich Karl de la Motte Fouqué (1777 – 1843), deutscher Dichter, Schriftsteller

Der Bach

Du Bach, der unter übergebogenem
Gesträuch

Der Bach
1797

Du Bach, der unter übergebogenem
Gesträuch, und weißem Glimmergeschiefer, sanft
Wie Flöten aus der dunkeln Grotte
Jener bewurzelten Felswand rieselt;

An deinem Rand, der moosig und sanft sich hebt,
Vom Blätterdach vor jeglichem Späheraug',
Und Sonnenblick beschirmt, vergeß' ich
Menschen und Welt und Wunsch und Sorge.

In süßer Ruhe schwanken in's Gleichgewicht
Der Leidenschaft Schaalen; Vergangenheit
Und Zukunf, schwinden im Genuße
Seeliger Gegenwart, matt und dämmernd.

Genuß des Augenblickes! O seltnes Glück
Dem Sterblichen, der immer mit schnellem Fuß
hervor strebt, bald voraus bald rückwärts
Schaut, und darüber des Weges Blumen

Jetzt übersieht, und jetzt zu Boden tritt!
O Quell, der du der Seele die Luft gewährst,
Gewisslich aus der Seeli'gen Fiuren
Sprudelst du aufwärts, im Ausflluß Lethes!

Theone und Nina

Alles wiederholte sich

in ertötender Eintöingkeit

Alles wiederholte sich in ertötender Eintönigkeit, alles glich sich, alles kam wieder. Die Alten hatten gesagt: die Welt hat keine Geheimnisse mehr; wir haben die Auflösung aller Rätsel gefunden, wir haben alle Probleme gelöst. Wir haben mit Hilfe des Spektroskops gesehen, daß die Sonne keinen Sauerstoff besitzt, was sie jedoch nicht hindert, so gut wie Antimon in Chlor oder Kupfer in Schwefel zu brennen.

August Strindberg

Johan August Strindberg (1848 – 1912), schwedischer Künstler, Maler, Dichter, Essayist, Schriftsteller, Dramatiker.

* oberes Bild: GemäldeInferno, 1901′ von August Strindberg

Sommerblume

Eine Sonnenblume sah ich jüngst

Sommerblume

Eine Sonnenblume sah ich jüngst.
Grau der Himmel, grau die ganze Welt.
Und der überhöhe Blumenschaft,
Stolz und hoch ob nieder'm Grünzeug ragend,
Hatte eine, eine Riesenblume.
Doch die Riesenblüte, die noch jüngst
Sehnsuchttrunken nach der Sonne schaute,
Alle Blätter drängte sonnenwärts,
Zitternd, atmend, lebend nur im Licht,
Jene Riesenblüte neigt verdorrt,
Schwarz und starr und trauernd sich am

Stamm.

Promethidenloos zeigt mir dies Bild.
Alles Streben, alles höchste Ringen
Nach der Menschheit Sonne: Ruhm tind Liebe,
Alles Zittern, Kämpfen und Erglüh'n
In der Zeugungskraft des Genius,
Neigt verdorrend einst das Haupt, wie du,
Stille, grosse, schwarze Sonnenblume.

Hermine von Preuschen

Hermione von Preuschen (1854 – 1918), deutsche Malerin, Dichterin

Wenn die Sterne scheinen

Sieh, nun ist es dunkel ‚worden,

 Wenn die Sterne scheinen

Sieh, nun ist es dunkel 'worden,
Alles schläft in weiter Welt,
Nur die Sterne wallen leise
Ihren Weg am Himmelszelt.

Und der leuchtendste von allen,
Jener dort im weißen Kleid,
Schaut mit seinen heil'gen Augen
Still in uns're Einsamkeit.

Sanfter nun die Herzen schlagen,
Auf der Lippe schläft das Wort,
Und die Seelen wandern heimlich,
Hand in Hand zum Himmel fort. 

Anna Ritter

Anna Ritter, geborene Nuhn (1865-1921), deutsche Schriftstellerin, Dichterin

Das Hüttchen im Walde

Das meinen Wunsch in sich verschließt

Das Hüttchen im Walde 

So arm und klein das Hüttchen ist,
Das meinen Wunsch in sich verschließt,
So neidenswert wär' doch mein Los
Dürft' ichs bewohnen! — Sorgenlos
Und stets zufrieden, wär' gewiß
Mir dann die Welt ein Paradies.
So aber ist sie ohne dich
Nur eine Wüstenei für mich.

Gabriele Baumberg

Gabriele Bacsányi geborene von Baumberg (1785 – 1789), österreichische Dichterin, Schriftstellerin

Zugvögel

Das Vöglein in blauer Luft / Zugvögel

Vöglein in blauer Luft,
Hab' dich so gerne,
Schwebst über Meer und Kluft
Sanft wie die Sterne,
Hin, wo der Frühling blüht,
Trägst du dein schwellend Lied --
Grüß' mir die Ferne!

Wenn sich dein Flügel spannt 
Seligem Triebe, 
Fühlt sich das Herz verbannt, 
Wo ich auch bliebe -- 
Vöglein vergiß mir nicht, 
Was meine Sehnsucht spricht: 
Grüß' mir die Liebe!

Fliegst in die Welt hinein, 
Hörst nicht mein Flehen? 
Willst nicht mein Bote sein? 
Kannst nicht verstehen, 
Ob ich gelacht, geweint? 
Nun denn, Ade mein Freund, 
Laß mich vergehen!

Und eine andre Schaar 
Regt das Gefieder -- 
Ewig mir treu und wahr 
Bleiben die Lieder! 
Tragen den Gruß in's All,
Bringen des Himmels Schall 
Göttlich mir wieder!

Karoline Fidler

Karoline von Fidler (1801-1874), deutsche Dichterin. andere Namen: Karoline Winkler, Karoline Charlotte Schultz


Morgenrot

Hinaus, hinaus! der Morgen raut,

Morgenrot

Hinaus, hinaus! der Morgen raut,
Es öffnet sich die Welt!
Bald tritt hervor die Himmelsbraut
Aus duft'gem Purpurzelt!

Es reget sich in stiller Brust
Der Kräfte schlummernd Heer,
Es wollt die unerschaff'ne Luft
Ein nachtbedecktes Meer.

Es senkt das glüh'nde Himmelsrot
Sich auf den bangen Traum,
Und augenblicklich schmilzt die Rot
Im lichtererfüllten Raum!

Es bricht der Dämme dunkler Wall - 
Und Leidenschaft und Tat
Stürzt sich in das enflallmmte All,
Des Aufgang's goldn'ne Saat!

Karoline Fidler

Karoline von Fidler (1801-1874), deutsche Dichterin. andere Namen: Karoline Winkler, Karoline Charlotte Schultz


Der Frühling

Als das Herz mit ihm bekannter Weisen

Der Frühling
(an die Frau von Wrech)

Freundin dessen, der die Welt regieret,
Der an diamantnen Ketten führet
Jene Sonnen über unserm Haupt!
Sieh'! an seiner Ordnung goldnen Seilen
Muß der Frühling neu herunter eilen
Mit dem Schmuck, den ihm der Herbst geraubt.

Siehe! wie beflügelt er gekommen
Und die Trauer der Natur benommen.
Wie er sie schon jugendlich geschmückt,
Mädchen, die den Lenz im Antlitz haben,
Männer, Jünglinge und kleine Knaben
Und der Greiß, der sich am Stabe bückt;

Alles geht, gereizt von den Gerüchen
Junger Veilchen, die so niedrig kriechen
Und doch edler, als die Tulpen sind!
Und der Hyacinthen ofne Glocken
Duften Balsam, den um seine Locken
Dir entgegen trägt der Frühlingswind.

Blat und Frucht, die in der Knospe lagen
Dringen sich des Schöpfers Lob zu sagen,
Aus der Hülle nun mit Macht hervor.
Wenn die stummen Redner prächtig blühen,
Steigt, in regellosen Symphonien
Aus den Zweigen ein Gesang empor!

Ohne Muse, ohne Kunst und Schriften
Singt die Lerche, schwebend in den Lüften,
Unaufhörlich ihr pindarisch Lied
Unter ihr, in früher Tagesstunde,
Singt mit bäurisch vollgenommnem Munde
Auch die Einfalt, welche Furchen zieht!

Lämmer, die noch an den Müttern saugen,
Blöken dem zum Lobe, dessen Augen
Das Insekt im Staube kriechen sehn.Ihn muß so der Wurm im Grase preisen,
Als das Herz mit ihm bekannter Weisen,
Als die Räder, die den Weltbau drehn.

O du Tochter seiner Lieb und Güte,
Der in jedem Lenz die junge Blüthe,
Und die grüne Saat sein Lob beschreibt.
Höher, als der Dichtgeist in dem Fluge
Preisest du mit jedem Athemzuge
Einen Gott, der deine Freude bleibt!

Alles singt ihm. – Seine Nachtigallen
Oft behorchend, will ich Lieder lallen
Voll vom Lobe dessen, der mich schuf;
Bienen, die auf Lindenwipfeln summen,
Und des Fleisses Lehrer, jene Stummen
Im Erdhaufen, werden mir ein Ruf!

Anna Luise Karsch

Anna Luise Karsch, geborene Dürbach (1722 – 1791), deutsche Dichterin, Schriftstellerin