Doch Liebe, einfach Liebe

ist sie nicht schön und des Nehmens wert

DOCH Liebe, einfach Liebe, ist sie nicht
schön und des Nehmens wert? Es strahlt die Flamme,

Ob Tempel brennen oder Werg. Es bricht
Licht aus dem Abfall und dem Zedernstamme.

Liebe ist Feuer. Und: Ich liebe dich -
- gib acht -: ich liebe dich - wenn ich das sage,
steh ich verwandelt nicht mit einem Schlage
verklärt vor dir? Ich fühle selbst, wie ich

anscheine dein Gesicht. Wo Liebe je
sich niedrig macht, kann sie nicht niedrig werden:
Gott nimmt Geringe an, die sich gebärden

so wie sie sind. Das, was ich fühle, blendet
über dem Dunkeln, das ich bin: ich seh,
wie Liebe wirkend die Natur vollendet.

Elizabeth Barrett-Browning

Elizabeth Barrett-Browning, geborene Elizabeth Barrett Moulton-Barrett (1806 – 1861), englische Dichterin, Schriftstellerin

Aus roter Leidenschaft

und meine Liebe die glüht, die loht

Aus roter Leidenschaft

Du! Ich bin rot, ich bin dreimal rot,
und meine Liebe die glüht, die loht
wie der Fackeln flackerndes Feuer.
Die lockt und die winkt mit weißen Armen,
die kennt kein Erbarmen – – –

— — — — — —

Du! Ich bin rot,
doch süß ist der Tod
in meinen Armen ... 

 Else Galen-Gube

Elisabeth Galen-Gube, geborene Galen(1869-1922), deutsche Schriftstellerin, Dichterin. Pseudonym: Else Galen-Gube

Der Kuss

Die hochzeitskleider die sie heute trug

Der Kuss

Welch qualmend leid in tödlichem verzug
Und welches tückevollen wechsels bann
Dem leib den ruhm · der seele rauben kann
Die hochzeitskleider die sie heute trug!

Denn sieh! ihr mund in dieser stunden flug
Mit meinem solch mittönend spiel begann
Wie Orpheus sehnt · als er sie halb gewann ·
Der darbenden die lezte laute schlug.

Ich war ein kind in ihrer hand · ein mann
Wenn brust an brust wir schmiegten · wir zu zweit
Geist wenn ihr geist durchdringend mich befreit

Gott wenn vorm ganzen lebensatem rann
Das lebensblut · an brunst wetteifernd dann
In feuer feuer · gier in göttlichkeit.

Dante Gabriel Rossetti

Dante Gabriel Rossetti (1828 – 1882), englischer Maler, Übersetzer, Illustrator, Dichter

Blickfeuer

Du kennst der Küste rege Leuchtturm-Feuer

 Blickfeuer

I.

Du kennst der Küste rege Leuchtturm-Feuer,
die schlaflos ewig wache Wimpern heben,
als seien es des Schicksals Augen selber,
die ruhlos auf der Dinge Wandel rollen, -

Und stehst vielleicht so selber vor den Dingen,
sie immer wieder gross und fragend messend,
indes des Weltmeers ewig gleiche Woge
zu deinen Füssen ihre Rätsel brandet ...


II.

Und dann sind noch andre Feuer,
die mit unbewegter treuer Güte
durch das Dunkel schauen,
wie wohl Augen stiller Frauen
flehn: aus schwankenden Bezirken
komm, im Heimischen zu wirken.

Christian Morgenstern

Christian Morgenstern (1871 – 1914), deutscher Schriftsteller, Dramaturg, Journalist und Übersetzer