Der Kuss

Die hochzeitskleider die sie heute trug

Der Kuss

Welch qualmend leid in tödlichem verzug
Und welches tückevollen wechsels bann
Dem leib den ruhm · der seele rauben kann
Die hochzeitskleider die sie heute trug!

Denn sieh! ihr mund in dieser stunden flug
Mit meinem solch mittönend spiel begann
Wie Orpheus sehnt · als er sie halb gewann ·
Der darbenden die lezte laute schlug.

Ich war ein kind in ihrer hand · ein mann
Wenn brust an brust wir schmiegten · wir zu zweit
Geist wenn ihr geist durchdringend mich befreit

Gott wenn vorm ganzen lebensatem rann
Das lebensblut · an brunst wetteifernd dann
In feuer feuer · gier in göttlichkeit.

Dante Gabriel Rossetti

Dante Gabriel Rossetti (1828 – 1882), englischer Maler, Übersetzer, Illustrator, Dichter

Wos d’Liab oll’s is

Möcht in Herzerle sein

Wos d'Liab oll's is

D' Liab is a Rauba,
Möcht in Herzerle sein;
Und won ma nit aufmocht,
So brichts oan holt ein.

D'Liab is a Vögerl,
In Mai fliagts daher;
Thuas songa, schau, späta,
Do kimts neamamehr.

Und 's Vögerl is hoamisch,
Mei Herz is sei Haus;
Hiazt, won ih ah aufmoch,
Fliagts neamamehr aus.

A hellklingends Glöckl
In Herzn is d'Liab;
Gib ocht, daß 's koan Sprung kriagt,
Sist keits nocha trüab!

D'Liab is a Wasserl,
Rint unta die Bruck,
Und mei Herz is a Schifferl,
Kimt neamamehr zruck.

D'Liab is a Flamerl,
S'entzündt sich so gern,
Und wons d' damit spielst,
Konst an Obrandla wern.

D'Liab is a Bleamerl, 
Recht guat muaßt es pflegn;
Schau, d'Liab braucht a Busserl,
Wia 's Bleamerl an Regn.

Peter Rosegger

Gedicht auf obersteirischer Mundart

Peter Rosegger (1843 – 1918), österreichischer Volkschriftsteller, Dichter. Pseudonym: P. K. Petri Kettenfeier

Frühlings-Himmel

Ein ganze Schürze voll Himmelblau

Frühlings-Himmel

"Mutter! Öffne Dein Kämmerlein!
Laß schnell das kleine Julchen herein!
Sie bringt Dir etwas von der Au',
Eine ganze Schürze voll Himmelblau!"

Da macht die kranke Mutter auf,
Das Kind sprang herein im raschen Lauf,
Öffnet das Schürzchen - aber - o Leid!
Dahin ist die ganze Herrlichkeit!.

"Ach, Mutter!" ruft sie, "was ist geschehn!
Kein Fleckchen Blau ist zu sehn!
Den Frühlingshimmel wolt' ich Dir bringen,
Und hab' ihn verschüttet beim raschen Springen!"

"Nein, " sprach die Mutter: "Ich hab' ihn entdeckt:
Er hat sich in Deine Augen versteckt!
Dort will ich ihn täglich schimmern sehen,
Bis wir zusammen in's Freie gehen!"

Drauf küßte die Mutter des Kindes Mund,
Und lachte fröhlich und wurde gesund.

Agnes Franz

Louise Antoinette Eleonore Konstanze Agnes Fransky (1792 – 1843), deutsche Dichterin, Kinder- und Jugendbuchautorin, Schriftstellerin

ein Kuss

Ein erlaubter Kuss

Ein erlaubter Kuß – ist er einen geraubten wert?

Guy de Maupassant

Henry René Albert Guy de Maupassant (französischer Schriftsteller, Journalist

Der Kuß

Der Kuß

Nirgends hin als auf den Mund
Da sinkt’s in des Herzens Grund
Nicht zu frei, nicht zu gezwungen
Nicht mit gar zu fauler Zungen

Nicht zu wenig, nicht zuviel
Beides wird sonst Kinderspiel
Nicht zu laut und nicht zu leise
Bei dem Maß ist rechte Weise

Nicht zu nahe, nicht zu weit
Dies macht Kummer, jenes Leid
Nicht zu trocken, nicht zu feuchte
Wie Adonis Venus reichte

Nicht zu harte und nicht zu weich
Bald zugleich, bald nicht zugleich
Nicht zu langsam, nicht zu schnelle
Nicht ohn Unterschied der Stelle

Halb gebissen, halb gehaucht
halb die Lippen eingetaucht
Nicht ohn Unterschied der Zeiten
Mehr allein als vor den Leuten

Küsse nun ein jedermann
Wie er weiß, will, soll und kann
Ich nur und mein Mädchen wissen
Wie wir uns recht sollen küssen

Paul Flemming

Paul Flemming (1609 – 1640), deutscher Schriftsteller, Dichter, Arzt

Du bist die Ruhe, Sicherheit bist du

Mein brennend Antlitz fühl in deinen Händen

Du bist die Ruhe, Sicherheit bist du.
Mein brennend Antlitz fühl in in deinen Händen,
In deinem Kuß still ich mein bitter Schluchzen,
Ich habe ja die Liebe nicht gekannt!

Paul Ernst

Carl Friedrich Paul Ernst (1866 – 1933), deutscher Schriftsteller, Novellist, Essayist, Journalist

Küssen will ich, ich will küssen

Gibst du einen Kuss mir nur

Freund, noch einen Kuss mir gib,
Einen Kuss von deinem Munde,
Ach! ich habe dich so lieb!
Freund, noch einen Kuss mir gib.
Werden möcht ich sonst zum Dieb,
Wärst du karg in dieser Stunde;
Freund, noch einen Kuss mir gib,
Einen Kuss von deinem Munde.

Küssen ist ein süßes Spiel,
Meinst du nicht, mein süßes Leben?
Nimmer ward es noch zu viel,
Küssen ist ein süßes Spiel.
Küsse, sonder Zahl und Ziel,
Geben, nehmen, wiedergeben,
Küssen ist ein süßes Spiel,
Meinst du nicht, mein süßes Leben?

Gibst du einen Kuss mir nur,
Tausend geb ich dir für einen.
Ach wie schnelle läuft die Uhr,
Gibst du einen Kuss mir nur.
Ich verlange keinen Schwur,
Wenn es treu die Lippen meinen,
Gibst du einen Kuss mir nur,
Tausend geb ich dir für einen.

Flüchtig, eilig wie der Wind,
Ist die Zeit, wann wir uns küssen.
Stunden, wo wir selig sind,
Flüchtig, eilig wie der Wind!
Scheiden schon, ach so geschwind!
Oh, wie werd ich weinen müssen!
Flüchtig, eilig wie der Wind,
Ist die Zeit, wann wir uns küssen.

Muss es denn geschieden sein,
Noch nur einen Kuss zum Scheiden!
Scheiden, meiden, welche Pein!
Muss es denn geschieden sein?
Lebe wohl, und denke mein,
Mein in Freuden und in Leiden,
Muss es denn geschieden sein,
Noch nur einen Kuss zum Scheiden!

Adelbert von Chamisso (1829)

Louis Charles Adélaïde de Chamissot de Boncourt (1781 – 1838), deutscher Dichter und Naturforscher

Die Rose

Mein erster Kuss und diese Rose, schön

Die Rose

Wenn meine Doris diese Rose nimmt,
Die in der liebe Feuerfarbe glimmt,
Dann hoff' ich wird sie sich bequemen,
Den ersten Kuss von mir zu nehmen.

Mein erster Kuss und diese Rose, schön,
Wie Doris, mögen dann zusammen gehen,
Wie zwei vertraute gute Seelen,
Und ihrer Liebe mich empfehlen!

J. W. L. Gleim

Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803) deutscher Dichter, Sekretär, Fabeldichter, Schriftsteller, Aufklärer

Die Falter

Der Lüfte blauen Weg

Der Falter

Schneeweiße Falter fliegen
In Schatten übers Meer:
Ihr schönen weißen Falter.
Wann nehmen meine Reisen
Der Lüfte blauen Weg!

Weißt du, der Schönen Schöne
Mit Augen kohlenschwarz,
Sag, meine Bajadere,
Falls sie mir Flügel liehen.
Wei´ßt du, wohin ich flieg?

Den Kuß der Rosen schmähend
Flög, ich durch Tal und Wald
Zu halbgeschloß'nen Lippen
Dir, meiner Seele Blume.
UNd stürbe daran bald.

Théophile Gaurier

Théophile Gautier (1811 – 1872), französischer Erzähler, Lyriker und Kritiker

Eifersucht

Viele Sonnenstäubchen fliegen

Alle Steine möcht' ich fragen, ob du hier vorbeigegangen, all die hundert Fensteraugen, ob sie nicht an dir gehangen?

Viele Sonnenstäubchen fliegen, deinen Locken wohl entfallen, deiner lieben Stimme denkend wähn` ich ferne Glocken hallen.

Bei den Birken auf der Höhe, an der schlanksten will ich lehnen, eine täuschende Sekunde mich an deinem Herzen wähnen.

Als ein Waldbach wollt ich eilen, daß du oft an mir dich labest- und ich all die Küsse zählte, die du einer andern gabest"

Risse dich in wildem Zürnen aus den ungetreuen Träumen, um vereint mit dir im Sturze zu zerschellen, zu zerschäumern.

Luise Deusch

Klara Luise Wilhelmine Deusch (1871 – 1925) deutsche Schriftstellerin und Dichterin