Blumen

Blumen, ihr Engel der Erde

 Blumen

Blumen, ihr Engel der Erde!
Mit zartesten Flügeln,
wunderbar schimmernd im Tau.
Kindlich blüht ihr in Gärten
und samtenen Wiesen.
Umrandet den Waldweg
und das silbersprudelnde Bächlein.
Den Menschen Freude und Sinnbild
des himmlisch heiteren Lebens.
Arm und weihelos ist ein Fest,
keine Liebe,
ohne euch, Strahlende!
Und die Locken schmückend
der Mädchen, der innigschlanken,
erhöht ihr umduftend
die ewigen Reize
der Jugend. 

Francisca Stoecklin

Francisca Stoecklin (1894-1931), Schweizer Schriftstellerin, Dichterin, Malerin, Erzählerin

Die Geburt der Sterne

drin stille Engel unsichtbar goldener Blumen warten

Die Geburt der Sterne

Weißt du} mein Lieb, wann jedesmal am Firmament ein Licht,
ein Stern entsteht? Du töricht Kind, nicht wahr, das weißt du nicht?
Ich muß es dir erzählen, komm, und lege traulich sacht
dein Köpfchen mir ans warme Herz – andämmern laß die Nacht.

Siehst du: der dunkle Himmel dort ist ein unendlicher Garten,
drin stille Engel unsichtbar goldener Blumen warten.
Und jedesmal, wann drunten hier zwei Seelen sich entzünden,
sich, zueinander heiß gebannt, in Glück und Glut verbünden,
dann pflanzen eine Blume sie dem tiefen Grunde ein
und segnen jede junge Lust mit jungem Sternenschein. –

O sieh: schon ist die heilige Nacht gemach herangetreten,
die Blumen leuchten ungezählt her von den ewigen Beeten,
und alle künden und zeugen nur von irdischer Menschen Liebe –
o daß auch unseres Glückes Stern ewig uns leuchten bliebe!

 Otto Erich Hartleben

Otto Erich Hartleben (1864 – 1905), deutscher Schriftsteller, Dichter, Übersetzer, Dramatiker

Die Raupe und der Schmetterling

Ein kleine Raupe lag

Die Raupe und der Schmetterling

Eine kleine Raupe lag,
In ihr Leichentuch gesponnen,
Tot im Angesicht der Sonnen,
Und es war der schönste Tag.

Ein schöner Schmetterling
Kam geflogen, setzte sich
Neben sie, und sagte: dich
Arme Raupe wird nun bald
Die allmächtige Gewalt,
Die dort oben strahlt, erheben;
Und, in schönerer Gestalt
Als du starbest, wirst du leben!
Ach! Ich will doch Achtung geben,
Wie du zu dem neuen Leben
Wirst hervor gehn!

Plötzlich warf
Sie die Schaal' ab, ließ sie liegen,
Und, der schöne Schmetterling
Sah den neuen Engel fliegen,
Wenn ich ihn so nennen darf.

J. W. L. Gleim

Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803) deutscher Dichter, Sekretär, Fabeldichter, Schriftsteller, Aufklärer

Sie kommen noch immer

durch den aufgebrochenen Himmel

They are still coming
through the broken sky,
their peaceful wings spread out
and their heavenly music
hovers over the whole weary world.


Sie kommen noch immer
durch den aufgebrochenen Himmel,
die friedlichen Schwingen ausgebreitet,
und ihre himmlische Musik
schwebt über der ganzen müden Welt.

William Shakespeare

William Shakespeare (1564 – 1616), englischer Dichter, Dramatiker, Schauspieler

In jeder Menschenbrust

wohnt ein Engel

In jeder Menschenbrust wohnt ein Engel, der leise spricht, wenn man nur hören will.

Fanny Tarnow

Franziska Christiane Johanna Friederike Tarnow (1779 – 1862), deutsche Schriftstellerin, Übersetzerin. Pseudonyme Fanny, F.T.

Das schlafende Kind

Wie reizend schlummert da der Engel

Das schlafende Kind.

Wie reizend schlummert da der Engel!
Ein Aermchen dort, das andre hier,
Scheints nicht, als wär' es ohne Mängel
Und ohne irdische Begier?

Kein Sorgenzug in seinen Mienen!
Wem dünkt es nicht, es müssen ihm
Die Unschuld und der Friede dienen?
Wo lauschet hier ein Ungestüm?

Die Seele schwebt im Stirnenlichte,
Schon, wie des Himmels Heiterkeit,
Und um das rosige Gesichte
Sind goldne Locken hergestreut.

Die holden Augen, die im Wachen
Mit ihrem Schimmer mich erfreun,
Man sieht sie noch im Schlafe lachen;
Wie könnten die doch schädlich seyn?

Wie reizend sind die zarten Glieder?
Ihr kleinstes Regen hat den Ton
Der geistesvollen Herzenslieder;
Ein Fingerchen bezaubert schon.

Jetzt wird's erwachen, wird nicht wissen,
Warum so lieblich es erwacht,
Warum ich's hundertmal muß küssen,
Warum es schön ist ohne Pracht?

Es wird an meinen Busen glühen,
Und eher noch, als seinen Thee,
Den Kuß der Mutter in sich ziehen,
Süß, wie den Bienen junger Klee.

Doch Stürme ruhen in dem Herzen,
Das jetzt noch keine Wünsche kennt,
Begierden schlummern noch und Schmerzen,
Worin oft eine Hölle brennt! —

O bliebe doch der Mutter Liebe
Dir stets, was heute sie dir ist!
Nicht Eine Wolke scheint dir trübe,
Wenn du in meinen Armen bist.

O möchte nie dein Herz dir lachen,
Beim Anschaun aller Erdenpracht!
Dir keine Leidenschaft erwachen,
Die dich nicht ewig glücklich macht

Caroline Louise von Klencke 

Caroline Louise von Klencke (1754 – 1802), deutsche Dichterin, Schriftstellerin

Engel im Walde

Mit weichem Fuß. er hatte ewig Zeit

Engel im Walde

Ich aber traf ihn nachmittags im Wald.
Ein Wunder, das durch Buchenräume ging,
So menschenfern, so steigend die Gestalt,
Dass blaue Luft im Fittich sich verfing;

Das Antlitz schien ein reines, stilles Leid,
Sehr sanft und silbrig rieselte das Haar,
In großen Falten schritt das weiße Kleid.
Er schaffte nichts, er sagte nichts; er war.

Und nichts an ihm, was schreckte, was verbot,
Und dennoch: keines Sterbens Weg genoss,
Daß meine Lippe, ob auch unbedroht,
Erstaunten Ruf, die Frage stumm verschloss.

Ein Blatt entwehte an sein Gürtelband,
Vergilbt und schon ein wenig kraus gerollt;
Er fing und trug es in der schmalen Hand
Wie ein Geschenk aus Bronze und aus Gold.

Wer sah ihm zu? Das Eichhorn, rot am Ast,
Und Rehe, die das Buschwerk schnell verlor.
Und Erlen wanden schon im Abendglast
Wie schwarze Schlangen züngelnd sich empor.

Er regte kaum die dünne Blätterschicht
Mit weichem Fuß. Er hatte ewig Zeit
Und zog: wohin? In Stadt und Dörfer nicht;
Er wallte außer aller Wirklichkeit.

Nicht unsre Not, nicht unser armes Glück,
Nur keusche Ruhe barg sein Schwingenpaar
Ich folgte nach und stand und blieb zurück.
Er brachte nichts, er sagte nichts: er war.

Gertrud Kolmar

Gertrud Käthe Cohdziesner (1894 -1943? ermordet in Ausschwitz), deutsche Schriftstellerin, Lyrikerin