Das Blatt der Frühlingsweide

Nicht deshalb lieb ich jene junge Frau

Das Blatt der Frühlingsweide

Nicht deshalb lieb ich jene junge Frau,
Die träumerisch an ihrem Fenster lehnt,
Weil sie den ragenden Palast besitzt
Am Gelben Flusse, - nein, ich liebe sie,
Weil sie dies kleine Blatt der Frühlingsweide
Ins Wasser gleiten ließ . . .

Nicht deshalb liebe ich den Ostwind, weil
Er mir den holden Duft der Birnbaumblüten
Herüberträgt von blumig weißen Höhen, -
Nein, weil er mir das Blatt der Frühlingsweide
An meinen Kahn trieb, - darum lieb ich ihn!

Nicht deshalb lieb ich dieses kleine Blatt
Der Frühlingsweide, weil es mir die Wonnen
Des Lenzes bringt, - nein, weil die junge Frau
Mit einer feinen Nadel meinen Namen
Hineingeritzt hat, - darum lieb ich es!

Chang Chiu-Ling

Chang Chiu-Ling (673 – 740), chinesischer Dichter, Politiker. Auch Zhang Jiuling; Chang Tiou-Lin; Dschang Giu Ling; Tchan-Tiou-Lind

Das Gedicht ‚Das Blatt der Frühlingsweide‘ von Chang Chiu-Ling wurde vertont.

Acoeba, Adiosio, O, Adiosie

weine nicht, meine Frau, mein Schatz

Acoeba, Adiosio, O, Adiosie
M'oema, no kré m' goedoe
na fetie mie o fetie
ti mie fong ding
mie sa comg
baca. (surinamisch)

Vaarwel, vaarwel, Acoeba,
Ween niet, mijn vrouw, mijn schat,
Cechten ga ik en strijden.
Pas na de overwinning
kom ik terug. (niederländisch)

Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen, Acoeba,
weine nicht, meine Frau, mein Schatz,
Ich werde in den Kampf ziehen.
Erst nach dem Sieg
kehre ich zurück. (eigene deutsche Übersetzung)

Anton de Kom

Cornelis Gerad Anton de Kom (1898 – 1945, KZ-Außenlager Sandbostel), antikolonialistischer Schriftteller, surinamischer Widerstandskämpfer

Wenn der Jasmin vor meinem Fenster blüht

wenn Stille herrscht, blutrot der Vollmond glüht

Wenn der Jasmin ...

Wenn der Jasmin ……

Wenn der Jasmin vor meinem Fenster blüht,
wenn Stille herrscht, blutrot der Vollmond glüht,
dann kommt die Sehnsucht mit der Mitternacht,
wo alles schläft – nur mein Verlangen wacht,
es bläst mit Feueratem zu mir her
und fordert Liebe! … Liebe? Noch viel mehr!
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Die Nacht vergeht mit müdem, schweren Schritt.
O nähm sie mich ins ewge Dunkel mit!
Der Morgen naht in fahlem Nebelgrau,
einsam, verzweifelt lieg ich arme Frau
und späh mit heißen Blicken rings umher
nach Liebe – doch mein Pfühl bleibt liebeleer.

 Else Galen-Gube

Elisabeth Galen-Gube, geborene Galen(1869-1922), deutsche Schriftstellerin, Dichterin. Pseudonym: Else Galen-Gube

Wir können nur geben, was wir empfangen haben

es war einmal ein Mann

Geschichte des arabischen Sprichworts:
Wir können nur geben, was wir empfangen haben

Es war ein Mann, der wollte
Von seinem Weibe Knaben;
Zu seinem Ärger sollte
Er lauter Mädchen haben.

als sie das erste brachte,
Ertrug er's noch geduldig;
Als sie's nicht besser machte,
Zeigt' er sich schon ungeduldig.

Und als sie's tat zum dritten,
Wollt' er nicht länger leiden,
Was er so lang gelitten,
Und drohte, sich zu scheiden.

Da sprach sie: Für mein Leben
Gäb' ich dir gerne Knaben;
Wir können doch nur geben,
Was wir empfangen haben.

Friedrich Rückert

Freimund Raimar (1788 – 1866),, deutscher Dichter, Lyriker und Übersetzer arabischer, hebräischer, indischer, persischer und chinesischer Dichtung

An eine junge Italienerin

Der Regen peitscht das Dach

An eine junge Italienerin

Noch knirscht der Februar, von Schnee und Reif umschauert,
Der Regen peitscht das Dach, kalt pfeifts in den Alleen;
Du aber seufzest schon: Mein Gott, wie lang das dauert.
Wann werden im Gehölz wir Veilchen pflücken gehn?

Kind, Frankreichs Himmel ist ein Tränensieb. Im Pelze
Am flammenden Kamin sitzt fröstelnd unser Lenz;
Paris vergeht im Schmutz, wenn auf dem grünen Schmelze
Der Wiesen sein Geschmeid längst ausgelegt Florenz.

Sieh, kahl sind Park und Flur; zu warten gilts ein Weilchen.
Dich hat dein Herz getäuscht, das warm und südlich glüht;
Dein blaues Auge nur, sonst gibts hier noch kein Veilchen
Und keinen Lenz, als der auf deiner Wange blüht. 

Théophile Gaurier

Théophile Gautier (1811 – 1872), französischer Erzähler, Lyriker und Kritiker

aus: ‚Gedichte an geliebte Frauen‘

Übersetzung von: Emanuel Geibel (1815 – 1884)

An meine Frau

An meine Frau

Wie wir gelebt, so lass uns weiter leben, und die wir in der ersten Nacht uns gaben, die trauten Namen, lass sie fest uns halten! Kein Tag erscheine, der uns ändern mag; ich sei für dich der Jüngling, du mein Mädchen!

Ausonius

Decimius Magnus Ausonius / Auson (310- 393), römischer Dichter, Lehrer der Rhetorik

aus: „Römerlyrik“. Verfasser: Decimius Magnus Ausonius. In deutsche Verse übertragen von Josef Maria Stowasser (1854 – 1910). Verlag: Carl Winter, Universitätsbuchhandlung, Heidelberg, 1909

„Ausonius“ with an english translation by Evelyn White. Verlag: William Heinemann, London. New York, G. P. Putnams Söhne