An die Wolken

Es jagen die Stürme

An die Wolken

Es jagen die Stürme
Am herbstlichen Himmel
Die fliehenden Wolken;
Es wehen die Blätter
Des Haines hernieder,
Es hüllt sich in Nebel
Das ferne Gebirg. -

O jaget, Ihr Wolken,
In stürmender Eile.
Ihr ziehet nach Süden,
Wo freundlich die Sonne
Den wehenden Schleier
Euch liebevoll schmücket
Mit goldenem Saum.

Mich trieben die Stürme
Des Schicksals nach Norden
Dort mangelt mir ewig
Die Sonne der Freude,
Und nimmer verkläret
Ihr Lächeln die Wolken
Des düsteren Sinnes.

Und darum geleit’ ich
Mit Seufzern der Sehnsucht
Euch, luftige Bilder
Der wechselnden Laune
Des ewigen Himmels,
Und flüchtete gerne
Nach Süden mit Euch.

Natalie

Charlotte von Ahlfeld

Charlotte Elisabeth Luise Wilhelmine von Ahlefeld (1781 – 1849). Pseudonyme: Elisabeth Selbig, Natalia, Emetine, Frau Charlotte Seebach Felicitas, Elise Selbig, Marie Müller. Deutsche Schriftstellerin, Dichterin

Im roten Laubwerk voll Guitaren ..

Durch Wolken fährt ein goldner Karren.

Im roten Laubwerk voll Guitaren ..

Im roten Laubwerk voll Guitarren
Der Mädchen gelbe Haare wehen
Am Zaun, wo Sonnenblumen stehen.
Durch Wolken fährt ein goldner Karren.
In brauner Schatten Ruh verstummen
Die Alten, die sich blöd umschlingen.
Die Waisen süß zur Vesper singen.
In gelben Dünsten Fliegen summen.
Am Bache waschen noch die Frauen.
Die aufgehängten Linnen wallen.
Die Kleine, die mir lang gefallen,
Kommt wieder durch das Abendgrauen.
Vom lauen Himmel Spatzen stürzen
In grüne Löcher voll Verwesung.
Dem Hungrigen täuscht vor Genesung
Ein Duft von Brot und herben Würzen.

Georg Trakl

Georg Trakl (1887 – 1914), österreichischer Dichter, Schriftsteller.

Wolken

Wolken, ihr himmlischen

Wolken

Wolken, ihr himmlischen!
Laßt euch begrüßen,
Luftige Pilger! Ich sink' euch zu Füßen.
Wolklen, die ihr meine Kindheit umschwebtet,
Wonnige, schimmernde Träume belebtet,
Träume von goldenen, zaub'rischen Schlosse,
Und vom ätherisch geflügelten Rosse,
Träume von Seligkeit, Träume von Frieden,
Träume von Herrlichkeit, mir nicht beschieden.

Wolken, die einst mir im farbigen Bogen
Liebend die Brücke zum Himmel gezogen,
Seid ihr dieselben? - Ihr leuchtet noch immer
Herrlich und strahlend im purpurnen Schimmer.
Himmlische Brücke! Noch hast du den Bogen,
Wie vor Jahrtausenden, prächtig gezogen,
Aber dich durfte das Kind nur betreten -
Wolken! Ach laßt mich still weinen und beten.

Louise von Ploennies

Louise von Ploennies, geborene Leisler (1803-1872), deutsche Schriftstellerin, Dichterin

Mutter Erde

leise singt der Frühlingswind

Mutter Erde

Mitternächtges Dunkel spinnt
um die Welt ein heimlich Träumen;
leise singt der Frühlingswind
in den knospenschweren Bäumen.
Fern noch einer Lampe Schein,
und der Himmel schwarz verhangen – –
in den dunklen Birkenhain
bin ich einsam ausgegangen.
Schmeichelnd um die Stirne streicht
mir der Lenznacht weicher Odem,
aus den feuchten Beeten steigt
Erdgeruch und Nebelbrodem.
Aus dem Schoß der Wolken fällt
groß und warm der erste Tropfen –
und mir ist, das Herz der Welt
hör ich in der Stille klopfen.
Durch die Nacht, so kirchenstill,
30geht ein Raunen und ein Regen,
jedes kleinste Pflänzchen will
Zwiesprach mit dem Schöpfer pflegen.
Was in dunklen Tiefen schlief,
ruft ans Licht ein neues Werde –
und die Kniee beug ich tief
31zur gebenedeiten Erde. –

Clara Müller-Jahnke

Clara Müller-Jahnke, geborene Müller (1860 – 1905, deutsche Dichterin, Journalistin, Frauenrechtlerin

See-Stück

Der augen blinkendes zwillingslicht

See-Stück

Hervor aus des haares rabenschwarzen wolken
Der augen blinkendes zwillingslicht
Strahlend bricht.
Des atemzugs wehungen laue und leise
Über die klippen der schultern der weissen
Sachte gleiten.
Indess gegen kleides spitzenküste
Schwellend sich wälzen die wogenden brüste
Schaumweiss doch stumm.
Ach wenn doch klänge
Schmelzend weich und
Zauberisch mild
Hin zu sich tragendes
Liebe-klagendes
Meerfrauenlied!

J. P. Jacobsen

Jens Peter Jacobsen (1847 – 1885), dänischer Schriftsteller, Dichter, Wissenschaftler

The Glacier

The mountain have a peace which non disturb

The Glacier

The  mountains have a peace which none disturb ; The stars and clouds a course which none restrain;

The wild sea- waves rejoice without a curb, And rest without a passion ; but the chain

Of Death, upon this ghastly-cliff and chasm,
Is broken evermore, to bind again,
Nor lulls nor looses. Hark ! a voice of pain

Suddenly silenced ; a quick-passing spasm, That startles rest, but grants not liberty -
A shudder, or a struggle, or a cry -

And then sepulchral stillness. Look on us,
God ! who hast given these hills their place of

 pride,

If Death s captivity be sleepless thus, For those who sink to it unsanctified.

John Ruskin

John Ruskin (1818 – 1900) , englischer Maler, Philosoph Schriftsteller, Dichter, Sozialreformer, Kunsthistoriker, -kritiker

Deine Liebe hat mich beschlichen

Hat schon das Herz ihr gerühret

Deine Liebe hat mich beschlichen

Deine Liebe hat mich beschlichen,
Wie der Frühling die Erde,
Wann der Winter nun ist entwichen,
Kaum merkt sie, daß warm es werde.
Aber der Sonne heimliche Kraft
Hat schon das Herz ihr gerühret,
In der Wurzel regt sich der Saft,
Noch ehe der Zweig es spüret.
Der Schnee zerschmilzt, die Wolken zergehn,
Die erste Blüt' ist entglommen,
Dann sieht sie in voller Glut sich stehn
Und weiß nicht, wie es gekommen.

Friedrich Rückert

Freimund Raimar (1788 – 1866),, deutscher Dichter, Lyriker und Übersetzer arabischer, hebräischer, indischer, persischer und chinesischer Dichtung

Abendwolken

So stille ruht im Hafen

Abendwolken

So stille ruht im Hafen
Das tiefe Wasser dort,
Die Ruder sind entschlafen,
Die Schifflein sind im Port.

Nur oben in dem Äther
Der lauen Maiennacht,
Dort segelt noch ein später
Friedfertger Ferge sacht.

Die Barke still und dunkel
Fährt hin in Dämmerschein
Und leisem Sterngefunkel
Am Himmel und hinein.


Conrad Ferdinand Meyer

Conrad Ferdinand Meyer (1825 – 1898), Schweizer Dichter