Blauvöglein

Einstweilen — laß‘ uns hier weilen

Blauvöglein

Juchhe!! Ju!! - - dem letzten Gipfel zu!!

- Enzianen schimmern auf der Weide;
Der Äther rändert sich
Gleich einer Glocke rings der Heide;
Von Wolkenschäfchen ein Gewimmel
Befleckt den blauen Himmel.

Bestimmt: das Wetter ändert sich.

Vorwärts! - und rüstig fort!

Was Blaues seh' ich dort
Über dem Weg, immer am selben Ort
Wimmeln und wispeln geschwind
Und im Kreise sich dreh'n wie der Wirbelwind?

Enzianen scheinen's aus der Ferne;
Noch eher ein Geschwister blauer Augensterne;
Oder am Ende vielleicht ein kristallen
Bruchstückchen Himmel, auf den Berg gefallen.

Allein am Himmel müßt' ich doch
Entdecken irgendwo ein Loch;

Enzianen könnten sich nicht rühren;
Und wären's blaue Augen, was ich seh',
Ich müßt' es spüren,
Es tät' mir weh.

Leise! - - - durchs Weggeleise!

Und als ich nun verwundert näher ging,
Da war es wohl ein gutes Hundert Schmetterling,
Die Engelflügel, winzig von Natur,
Vom wahrsten, klarsten himmlischen Azur.
Die Einen schwärmten kreuz und quer
Wirbelnd und kreiselnd in der Luft umher;
Ein andrer Knäuel sog
An einem Pfützchen Wasser unterm Brunnentrog.
Dort klebten sie in dichten Truppen
Trinkend und schmausend an der spärlichen Oase.
Blau schien der Weg, besät mit Himmelsstaub und -Schuppen.
Und immer neue Völker, schwärmender Ekstase
Stürzten von oben her in blauen Schnuppen.

Und all' das Steigen, Fallen und Bewegen
War von Lazur ein Engelregen.

Einstweilen - - - laß' uns hier weilen!
Mein Herz ist weit,
Und merk' ich etwas Schönes, hab' ich immer Zeit.

Doch als ich auf dem Baumstamm überm Born
Schickte mich an ein Lager zu bereiten,
Sieh' da begann ein solcher Zwerg
In großem Zorn
Feindlich an mich heranzureiten,
Mit Spieß und mit Flamberg -
Und aufgerecktem Horn,

Sachte! mein tapfrer Held! - Allmend ist dieses Feld!

Zwar will ich euch in eurem Trunk nicht stören,
Allein der Strunk darf jedermann gehören.
Nach diesem ballte sich die Wolke
Und tanzte Ball mit allem Volke;
Schwingend die blauen Fahnen
Und springend auf den Enzianen
Den Ringelreigen von der "schönsten Jungfer."

Das war ein Bild von Lust und Leben froh!
Und eh' ich mir's bewußt, so macht' ich's ebenso;
Springend im Herzen von der schönsten Jungfer
Und dichtend wie es quoll,
Den ganzen Himmel voll.

Verschwunden waren Berg und Heide,
Ich saß auf einer schönen, reinen Engelweide.

Frieden. - Was mich bewegte, ließ ich nieden.

Hört' ich nichts knittern? und etwas rauschen?
Warum dies Zittern und bange Lauschen?

- Plötzlich zehn Finger mit verschränkter Hand
Umspannten mein Gesicht mit rosiger Wand:

""Rate, wer bin ich?""

"Dies Rätsel gewinn ich:
Zwei Lippen zum Nippen,
Zwei Augen, die nichts taugen,
Ein Zünglein zum Schneiden,
Und ein Mäulchen zum Beneiden,
Das Ganze, das ich hab' im Sinn,
Ist eine Männermörderin.
Gott sei mir armen Sünder gnädig!
- Laß' mich nun los und gib mich ledig!"

Was blieb da lang zu streiten nötig?
Sie zu begleiten war ich rasch erbötig.
Doch wie wir jetzt vorüber der Oase
Schritten dem Tal entgegen - Hu!!
Saß ein Blauvögelein im Nu
Kribbelnd auf meiner Nase.
Das kitzelt' und kritzelt' und blinzte mir zu: ""Du!
Das war ein Rendezvous!
Bekenn!""

"Und wenn?"

Carl Spittlerer

Carl Spittlerer (1845 – 1924), Schweizer Dichter, Romanautor, Schriftsteller. Nobelpreis für Literatur 1910. Pseudonym: Carl Felix Tandem